Teil 4 Ausklang der Wanderung

Tja, plötzlich wieder allein unterwegs. Die sonst normalerweise gewohnte Wanderroutine setzte nun wieder ein und war trotzdem ungewöhnlich. Der kleine Scheißkerl namens Kenneth fehlte mir bereits. Kein morgendliches Bürsten und Hufe saubermachen mehr, kein präparieren des Halfters und des Tragesystems mehr und das Gepäck würde nicht mehr auf zwei Packtaschen verteilt werden, sondern musste ich wieder allein in einem Rucksack buckeln. Mit vollbetanktem Provianttank ca. 22 kg. Mist. Wie entspannend für den Rücken war es doch mit einem Packesel die Berge hochzulaufen.
Egal, ich kam erstaunlich gut zu morgendlicher Stunde um sieben aus den warmen Schlafsackfedern, weil ich die Umgebungstemperatur als recht mild empfand. 1,5 Stunden später passierte ich eine blinkende Apothekentemperaturanzeige in Florac. Es waren 5°C! Ich konnte mir ausrechnen, wie kalt es mitten in der Nacht in den Bergen gewesen sein muss.




Ich hatte mir 32 km für den Tag vorgenommen und sollte die auch schaffen. Hinter Florac durchwanderte ich das Tal der Mimente, ehe der Weg einen Pass überquerte. Großartige Blicke auf die Landschaft der Cevennen offenbarten sich dort. Bergkamm an Bergkamm staffelten sich hintereinander bis zum Horizont und schimmerten blau im Gegenlicht. Ein gewaltiger Anblick. Die Täler wurden steiler und die Landschaft allgemein rauer und wilder. Auf dem Weg zum Pass passierte ich übrigens mitten im Nationalpark ein Holzeinschlagsgebiet, in dem auch Sprengungen stattfinden. Auf einem Warnschild fand ich den lapidaren Hinweis, dass man gelegentlich um einen herum gehörig knallen könnte...
Eigentlich hatte ich vor, abends irgendwo in den Büschen zu zelten, doch mangels geeigneter Plätze in dem steilen Gelände, lief ich bis St. Germain de Calberte, um dort den Campingplatz in Anspruch zu nehmen. Der hatte zwar offiziell geschlossen, doch das Tor stand sperrangelweit offen. Perfekt, ich ließ mich nicht zweimal bitten, zumal es schon reichlich spät war.


St. Germain de Calberte in den Cevennen


Am nächsten Tag wieder früh raus - die Nächte wurden immer milder - und zwar so früh, dass ich die Morgendämmerung und den Sonnenaufgang miterlebte. Lange genug war es her, dass mir das auf der Tour gelungen war. Dazu Schleierwolken am Himmel, die dem ganzen Szenario noch die besondere Atmosphäre gaben und mich in Hochstimmung versetzten. Ein toller Tag durch die über und über mit Esskastanien bewaldeten Täler der Cevennen. Unterwegs traf ich inzwischen bekannte Gesichter, die alle zunächst einmal kommentierend feststellen mussten, dass mein Esel nicht mehr bei mir war.


Esskastanien sieht man überall

Zielort war St. Jean-du-Gard, der Ort in dem Stevenson seine Wanderung beendete. Ein kleiner Ort, den man in einer halben Stunde besichtigt hat, zu der Erkenntnis gelangt, dass seit gestern alle Campingplätze dicht haben und sich ärgert, dass auf der öffentlichen Toilette natürlich kein Klopapier vorhanden ist. Es war Nachmittag und ich beschloss weiterzuwandern. Solange, bis mich unterwegs ein geeigneter Platz anlacht. Die Landschaft war böse zu mir. Nirgends was Gescheites zu sehen und die ebenerdigen Abschnitte waren bewohnt. Obendrein fielen in der Ferne Schüsse. Ich überquerte einen kleinen Bergrücken und erreichte ein neues Flusstal - mit Campingplatz. Allerdings ein merkwürdiger Campingplatz. Nirgends ein Zelt zu sehen, statt dessen Bungalows und umzäunte Parzellen mit kleinen Datschen samt Wohnmobilen. Wo war ich hier? Während ich so herumlief, nach einer schönen Stelle Ausschau hielt und auf der Wiese vor einem kleinen Baum verharrte, glotzten sofort vier Camper zu mir herüber. Ich ging wieder zurück Richtung Eingang, trocknete mich und meine verschwitzen Klamotten in der Sonne und gelangte zu der Erkenntnis, dass ich auf einer Dauercamperlokalität gelandet war. Was soll’s, ich muss schließlich irgendwo pennen und wenn’s irgendwem nicht passt, wird der mich schon darauf hinweisen. Der Empfang war nämlich verwaist.
Ich also Zelt aufgebaut, eingerichtet und Süppchen gekocht, als plötzlich der Platzwart vor mir steht, mich streng anschaut und ernst fragt, was ich denn hier mache. Ich hätte Lust gehabt auf so eine Schwachsinnsfrage pampig zu antworten, blieb jedoch lieb, da ich ja nicht noch mal umziehen wollte. Er erzählte mir daraufhin was, dass zelten hier total verboten ist. Ich stellte mich unwissend, wies auf die katastrophale Campingsituation in St. Jean-du-Gard hin und setzte den Dackelblick auf. Er überlegte einige Sekunden angestrengt und zeigte die erhoffte Reaktion, indem er Milde walten ließ ohne jedoch zu vergessen mich darauf hinzuweisen, dass flanieren auf dem Campinggelände für mich untersagt ist. Ich durfte für eine Nacht bleiben. Trotzdem, was für ein Sack mit seinem autoritären Getue.


Cevennen am Morgen

Der letzte Wandertag stand an und ich stellte mich auf einen knackigen Anstieg bei erneut fantastischem Morgenlicht zu Beginn und gechilltes laufen auf dem Bergkamm danach ein. Teil 1 stimmte soweit, Teil 2 nur zur Hälfte. Irgendwie ging’s ständig bergauf und die Passagen bergab, waren mitunter so steil, dass mein linkes Knie freudig schmerzte. Außerdem bestand der Weg aus einem so schmalen Pfad, dass mir ständig irgendwelche Zweige ins Gesicht wedelten. Objektiv eine tolle Route, doch hatte ich irgendwie nicht mehr den Nerv das zu genießen. Dennoch, die Ausblicke waren grandios. Hinter mir und neben mir die Cevennen, vor mir Alès in der Ebene und am Horizont die Alpen. Alès wirkt riesig mit seinen 45.000 Einwohnern und macht deutlich, in welcher bevölkerungsarmen Gegend ich unterwegs war. Der Weg zog sich noch ganz schön, an einem Aussichtspunkt überraschte mich der einzige Regenschauer während der Wanderung.


Nochmal eine der unzähligen Kastanien

In Alès will ich Checker spielen und steuere zielbewusst den Campingplatz mitten in der Stadt neben dem Stadion an. Auf der Karte war das klar und deutlich eingezeichnet. Dieser entpuppte sich als räudige zugeparkte Wiese. Merde. Ich zum Touribüro, um die Lage zu peilen. Sie boten mir zwei Optionen an: Der nächste Campingplatz befindet sich 5 km meinem Standpunkt entfernt oder ein Hotelzimmer für 32 €. Mein Entschluss stand fest, in Alès werde ich nicht übernachten. Ich beschloss einen Tag früher nach Lyon zu fahren. Gedacht, getan - ich buchte um und freute mich noch in der Dämmerung die Jugendherberge suchen zu dürfen. Der Umstand zerschlug sich jedoch, als ich auf dem Bahnhof in Nîmes erfuhr, dass der TGV 40 Minuten wegen eines Personenunfalls Verspätung hat. In Lyon war es stockduster und schüttete wie aus Eimern. Nach einer Stunde kam ich an der Jugendherberge an, um im ersten Überschwang des Rezeptionisten zu erfahren, dass alle Betten belegt sind. Was für eine Grütze. Das konnte doch jetzt echt nicht wahr sein. Ich bot ihm an, für eine Nacht mit Isomatte und Schlafsack auf dem Boden zu pennen, er lehnte das jedoch kategorisch ab. Ich müsste in ein Hotel. Glücklicherweise hatte er schließlich doch noch ein Bett frei. Nächster Tag war Ausruhtag und dann Heimflug. Leider hat mein Wanderstock Berlin nicht erreicht. Obwohl ein Teil abgebrochen ist, wollte ich ihn behalten. Über 1500 Wanderkilometer war er ein treuer Begleiter und hat mir gute Dienste geleistet. Aber wie das so ist, loslassen zu können ist die größte Kunst.

Kommentare (2)  Permalink

Kommentare

Sägefelder @ 18.10.2008 17:48 CET
Hej Foto nerd

cooler bericht und ein "RESPEKT" von mir für deine fotos. die qualität ist ja mal sowas von brachial gut. will mehr sehen! ;-)

gruß Sägefelder
Thomas @ 26.11.2008 13:01 CET
Toller Bericht und prima Fotos, wollte eigentlich nur mal reinschnuppern und habe ihn dann bis zum Ende durchgelesen. Der Esel-Event sollte weiter publiziert werden....

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