Die Fratze des Sozialismus und eine schicke Zugfahrt

So, Boys und Girls. Zunaechst das wichtigste - ich bin gut in Pingyao angekommen. Doch der Reihe nach. Gestern hatte ich den, wie ich finde, grossartigen Plan mir meine Zugtickets fuer nach der Exkursion schon mal zu besorgen - also fuer Ende August und Anfang September. Geld geholt, zum Ticketschalter getippelt, angestelt und gewartet bis ich dran war. Frohgemut teilte ich der Dame meine Wuensche mit nur um dann zu hoeren, dass Tickets nur bis zu 20 Tage im voraus gebucht werden koennen. Das konnte doch nicht wahr sein. Ich war einigermassen angepisst und stinkig. Das bedeutet naemlich, dass ich die Tickets fuer den 31.8. und 3.9. erst am 26.8. kaufen kann. Risky, zumal noch nicht klar ist ob ich die Chengdu-Beijing Fahrkarte ueberhaupt in Lanzhou loesen kann. Ein paar Flueche spaeter gelangte ich zur Einsicht, dass aufregen nichts bringt. Nimm's gelassen, irgendwie wird's schon funktionieren und Improvisation ist schliesslich Grundvoraussetzung auf Reisen. Trotzdem, so sehr die Wirtschaft dem Kapitalismus froent, bei der staatlich organisierten Bahn kann man den Sozialismus chinesischer Praegung wunderbar erleben.
Mit dieser sinnlosen Aktion hab ich drei Stunden verplempert, in denen ich eigentlich noch einmal durch die Hutongs schlendern wollte. Naja. Als ich an der heimatlichen U-Bahnhaltestelle ausstieg - die naechste Ueberraschung: Regen! Der erste Regentag im regenreichsten Monat Beijings. Der Weg per Sandale durch die geruchsintensiven Pfuetzen war etwas zwiespaeltig.

Irgendwann musste ich abermals zum Bahnhof, um mit dem Zug Nummer 1163 nach Pingyao zu fahren. Ich muss zugeben, ich hatte ganz schoen Schiss und ziemlichen Bammel. Wie wuerde das Prozedere im Bahnhof ablaufen? Gepaeckkontrolle - was sagen die zum Taschenmesser (Waffe)? Finde ich den Zug etc... Im Endeffekt hab ich mir viel zu viele Gedanken gemacht. Alles ganz easy. Das Gepaeck hat eigentlich keinen so richtig interessiert, sondern war eher eine Formalie. Die arabischen Zahlen haben im Beijinger Bahnhof Einzug gehalten und der Warteraum war leicht zu finden. Ein Warteraum von der Dimension von ungefaehr 30x50 m - vollgerammelt mit Menschen. Der Wahnsinn. Links und rechts der Wartehalle standen zig fest installierte Verkaufsstaende, die die Reisenden mit allen moeglichen Fressalien versorgten. Schliesslich stieg ich ein, fand meinen Platz und reiste 12 Stunden mit dem Volk. Was soll ich sagen, fast alles war klasse. Die Bedenken voellig fehl am Platze. Alles nette Leute. Ich sass in der 6er-Sitzgruppe, wo einer etwas Englisch konnte. Er konnte mein ausgepraegt rudimentaeres Chinesich verbessern und ich half ihm mit seinem Englisch auf die Spruenge.
Binnen wenigen Minuten entwickeln sich diese Sitzgruppen zu kleinen Mikrokosmen. Es wird geschnackt und Karten gespielt und zusammen gegessen. Regelmaessig rollt die Essenstante mit ihrem Essenswagen durch die Waggons. Sofort entsteht in chinesischen Langstreckenzuegen Atmosphaere und Geselligkeit. Hat mir sehr gut gefallen. Ich wuerde sofort wieder freiwillig den Hard-Seater buchen, wuerde der Winkel zwischen Sitzflaeche und Lehne nicht 90 Grad betragen. Gegener der Ergonomie -da hat mein Reisefuerer schon recht.
Kommentare (2)  Permalink

Letzter Abend in Beijing

Heute meine vorerst letzte Sehendwuerdigkeit in der Hauptstadt - der Sommerpalast. Ob ich morgen noch den Himmelstempel anschaue, weiss ich noch nicht. Sommerpalast musste sein. Fuer die 12 km Hintour hat der Bus fast 1,5 Stunden gebraucht. Dafuer war der Preis mehr als in Ordnung - umgerechnet 20 Cent.
Die Anlage ist klasse. Die Gebaeude und Tempel praesentierten sich im bekannten Stil der Verbotenen Stadt und des Lamatempels. Leider war auch hier die Luft smogverseucht. Menschen ueber Menschen, logisch. Doch die konzentrierten sich aufs Ufer. 3/4 des Parks nimmt der Kunmingsee ein. Um ihn gruppieren sich am Nordende die Gebauede. Dahinter erhebt sich der Berg der Langlebigkeit mit zig Pfaden und Wegen, Tempelchen und Pagoden und weniger Leuten. Das war sehr schoen. Besonders beeindruckend ist eine 30 m hohe buddhistische Pagode und ein Boot aus Marmor!

In sechs Tagen Beijing hab' ich mir ein Bild ueber die Attituede der Chinesen machen koennen. Untersuchungsgebiet waren und sind die Strassen, die ich zu Fuss durchkreuze. Die Mehrheit der Chinesen macht einfach nicht Platz, sondern geht mit einer Selbstverstaendlichkeit davon aus, das der andere ausweicht (Im Strassenverkehr ist das auch nicht viel anders, im letzten Moment wird aber doch gebremst). Wenn ich einem Chinesen entgegenkomme und etwas beiseite gehe, so dass der Chinese auch nur etwas zur Seite gehen muss und alles paletti ist, bringt das nichts. Er laeuft einfach weiter. Ich muss den grossen Bogen laufen. Vielleicht bis wahrscheinlich haengt das mit dem Hierarchidenken der Chinesen zusammen. Sie haben die aelteste ununterbrochene Zivilisation und stehen ueber allen anderen. Also erst recht ueber Auslaendern. Fuer mich nun sehr leicht nachzuvollziehen mit welcher Selbstverstaendlichkeit und Selbstherrlichkeit sie sich Tibet einverleibt haben und in der Provinz Xinjiang mit den Uiguren verfahren.

Ausserdem: An den oeffentlichen Toiletten komme ich nur mit Muehe und Not vorbei. Luftanhalten ist die essentielle Vorbedingung. Ich muss praezisieren, an den Maennerklos. Die Frauenklos sind auch ohne Luftsperre zu bewaeltigen. Ich hoffe, ich komme niemals in die Verlegenheit ein solches benutzen zu muessen.
Bei den Restaurants gilt folgende Regel: Je lauter, desto vertrauenswuerdiger das Essen. Das habe ich heute mal ausprobiert und wahrend des Essens sind mir fast die Ohren abgefallen. Die Chinesen reden nicht bei Tisch, sondern schreien sich an. Natuerlich wird auch vergnuegt auf den Boden gespuckt.
Kommentare (3)  Permalink

Buddhismus

Eigentlich hatte ich heute einen Ausflug zum Sommerpalast geplant, doch wenn man bis halb eins pennt ist das nicht zu verwirklichen. Nach dem Mauertrip war das allerdings auch noetig und gluecklicherweise bin ich auch die ollen Halsschmerzen los. Ich hab mich dann entschlossen zum Lamatempel im Norden des Stadtzentrums zu fahren. Sehr lohnend. Urspruenglich war das Teil die Residenz eines kaiserlichen Prinzen, ehe die Anlage 1744 zum Lamakloster umfunktioniert wurde. Gluecklicherweise ueberstand der Tempel die Kulturrevolution, was aber nur daran lag, dass ein wichtiger Funktionaer sie protegiert hat. 1981 oeffnete er wieder die Pforten fuer die Oeffentlichkeit. Von der Architektur her gleicht er doch sehr der Verbotenen Stadt, doch ein entscheidendes Detail ist anders. Die Luft ist rauchgeschwaengert vom Qualm verbrennender Rauecherstaebchen. Die Chinesen machen alle mit und verbrennen zur Ehrerbietung vor jedem (jedem!) Tempel einen Teil der Staebchen. Insgesamt gibt es so ungefaehr 15 Tempel und Tempelchen. Die ganze Atmosphaere hob sich auch deutlich vom ansonsten sehr lauten Beijing ab. Alles viel ruhiger und vor allem friedvoller, wobei der touristische Touch natuerlich ebenso deutlich hervorstach. Vor jedem Tempeleingang musste eine mindestens 40 cm hohe Tuerschwelle ueberwunden werden. Grund sind die Geister, die die Fuesse nicht heben koennen und deshalb draussen bleiben muessen. Diese Auffaelligkeit sieht man auch noch in den alten Hutongs. Der Kracher folgte am Schluss. Im letzten Tempel steht ein 26 m hoher Buddha, der aus einem Stueck Sandelholzbaum gearbeitet wurde!!!

Ausserdem musste ich mich um meine Zugtickets kuemmern. Also ab zum Westbahnhof. Dieses Teil ist so dermassen monumental, dagegen kann der Berliner Hauptbahnhof zehnmal einpacken. Sozialistische Architektur chinesischer Praegung in reinster Reinkultur. Zum einen war ich von der Groesse erschlagen, zum anderen von den tausenden von Menschen. Es half nichts - hinten anstellen. Die Spuckmarotte wurde auch im Bahnhof fortgefuehrt. Und zwar direkt neben mir. Interessant, dass sie auch Steigerungsmoeglichkeiten bietet, denn das Spucken wurde um den Charlottenburger erweitert. Wieder direkt neben mir. Positiv am Ticketschalter: Ich konnte auch Tickets von anderen Startorten als Beijing buchen. Negativ: Nichts klappte, wie ich mir das vorgestellt hatte. Von Pingyao kann ich nicht direkt nach Xi'an, sondern muss in die naechstgroessere Stadt zurueck, um dann von dort mit dem Zug nach Xi'an wieder durch Pingyao zu fahren. Hallo? Geht's noch? Ein bisschen daemlich? Das werde ich in Pingyao noch auf Korrektheit ueberpruefen. Schlimmer ist, dass ich noch kein Ticket von Xi'an nach Lanzhou habe. Am 2.8. komme ich in Xi'an an und am 4.8. muss ich ueber Nacht nach Lanzhou. 2 1/2 Tage Zeit in Xi'an das Ticket zu besorgen und bei den vollen Zuegen wird das schwierig, dass ich irgendwo noch einen freien Platz finde. Nachdem ich hier im Hostel mit einem gesprochen habe, bin ich jedoch ganz optimistisch. Nachtbusse sollen zudem immer zu bekommen sein. Das Ticket, was ich heute gebucht habe, ist selbstverstaendlich wieder der Hard-Seater.

Kommentare (1)  Permalink

Auf der Mauer

Nachtrag noch von gestern abend: Da habe ich naemlich zum ersten Mal die  chinesische Strassenkueche zusammen mit meinen taiwanesischen Zimmerkollegen Yu-Chan probiert. Lamm am Spiess - Grossartig. In Bezug auf die hygienischen Bedingungen wuerde das deutsche Gesundheitsamt allerdings vor Schreck in zehntausendfache Ohnmacht fallen. Bei einem legeren Blick zur Seite stellten registrierten wir einen Fleischberg auf einem Tisch auf der anderen Strassenseite. Das Fleisch fuer die Spiesse... Es sei angefuegt, dass sich in regelmaessigen Abstaenden einer der Fleischaufspiesser ausgiebig den Ruecken kratzte...
Heute bin ich ein bisschen krank, allerdings nicht mein Magen. Dem geht's prima. Durch diese scheisskalten Klimaanlagen tut der Hals etwas weh. Naja.
Die Stimmung auf den naechtlichen Strassen ist uebrigens super. Kaum ein Chinese sitzt in den eigenen vier Waenden, wie man das so ab bestimmten Altersgruppen aus Deutschland kennt, sondern ganz Beijing sitzt auf der Strasse. Die Opis und z.T. auch die Omis spielen Poker, chinesisches Schach oder zocken sonst was. Sehr gesellig das ganze.

Heute bin ich zur Grossen Maue gefahren (worden). Nicht zum weltberuehmten Teilstueck nach Badaling. Das ist was fuer die Subspezies der Urlauber in Form der Pauschaltouristen. Nichts fuer mich, viel zu ueberlaufen. Ich hab meinen Trip zwar auch im Hostel gebucht, wie 50 andere aus allen Beijinger Billigabsteigen auch, doch hat sich das auf der 10 km Wanderung schoen entzerrt. Von Jinshanling nach Simatai auf dem wilden Stueck der Mauer. Es war umwerfend, atemberaubend und einfach geil. Es ist sehr schwer vorzustellen, wie die Leute diese Unmenge an Steinen diese steilen Berge raufbekommen hat. Angeblich sollen 200.000 Menschen am Bau des Mingstuecks beteiligt gewesen sein. Wenn das mal reicht.
Fuer die Anfahrt von 120 km haben wir locker-flockige 4 Stunden gebraucht. Der Bauboom in Beijing ist fast nicht auszuhalten. Ueberall wird gewerkelt bis spaet in die Dunkelheit hinein. Die Baumatriealien bleiben neben der Strasse liegen.

Der Boom hat natuerlich auch gewaltige Schattenseiten. U.a. diese: bisher ging ich davon aus, dass unser Exkursionsstartpunkt Lanzhou die dreckigste Stadt Chinas ist. Das war wohl auch mal so Ende der 90er. Nun ist es..., natuerlich: Beijing. Angeblich soll ein Tag Beijinger Luft dem Konsum von 400 Zigaretten entsprechen (70% durch Kohlekraftwerke, die Olympioniken werden sich bestimmt ganz doll freuen)!!! Da trifft es sich doch gut, dass ich meinen gewuenschten Zug nicht bekommen habe und stattdessen einen Tag spaeter und zwar erst am Montag nach Pingyao fahre. In der Hartseaterklasse. Die uebelste von allen, weil ersten Sitze, zweitens ungepolstert und drittens ueber Nacht. Herzlichen Glueckwunsch. Hoffentlich kann ich mich bei den naechsten Zugfahrten wenigstens um eine Klasse verbessern.

Uebrigens tragen die Chinesen sehr gerne bauchfrei. Sie krempeln ihr Unterhemd oder ihr T-Shirt bis unter die Achseln hoch und tragen ihren Bauch spazieren. Sehr, sehr komischer Anblick.
Kommentare (0)  Permalink
Next1-4/9