[ Bielefeld ]
by unterwegs
@ 18.01.2007 21:26 CET
Ganz Deutschland wird von einem Orkantief überzogen. Ganz Deutschland? Jau, wir leben nicht in Gallien. Der Sturm macht auch vor Bielefeld nicht halt. Kyrill, möglicherweise ein Lakaie Putins, wütet mächtig und rüttelt hier an der Hausfassade. Es sei angemerkt, dass die Terassentür von Familie Gonska über Weihnachten in der Wohnküche "Hallo" gesagt hat - in waagerechter Position wohlgemerkt. Sollte ich mir Sorgen machen?
Wie dem auch sei, der morgendliche Fahrradritt zum Verlag war heute jedenfalls überraschenderweise unangenehmer, als die Rückfahrt. Das lag im Baikalsee in meinem linken Schuh einerseits und im Steinhuder Meer in meinem rechten Schuh andererseits begründet. Eine wohlige Erfahrung, mich am kuscheligen Teppichbelag im Verlag mal barfuß erfreuen zu können.
Sinnigerweise haben mir auf der Rückfahrt weder Regen noch Wind ernsthafte Probleme bereitet, sondern vielmehr ein Oberarschloch eines Menschen, der wahrscheinlich extrem unzufrieden mit seinem Dasein ist. Ich fahr' also auf dem Radweg auf der linken Straßenseite, freue mich, dass so wenig Fußgänger unterwegs sind, die scheinbar des Öfteren von Radwegen magisch angezogen werden und sehe diese Pfütze. Eine recht große Pfütze sogar. Eine Pfütze, die zu umfahren problemlos möglich gewesen wäre. Und viele Autos. Die mir entgegenkommen. Das Alphavehikel dieser Kolonne hat natürlich nichts Besseres zu tun, als kräftig zu beschleunigen und den Extraschlenker durch diese Pfütze zu nehmen... Mir war es vergönnt diese 3 m hohe Wasserwand zu teilen. Jesus, Maria und Josef.
So, noch ein Nachsatz offtopic: Es sei jedem hier geraten, der immer noch nicht mit dem Firefox (Macuser mal ausgenommen) im Internetz surft, das ab sofort zu tun. Der olle Microsoft IE hat Schwierigkeiten, die Seite korrekt anzuzeigen, wenn ich Bilder mit Text poste wie beim letzten Eintrag.
Zweiter Nachsatz: Sollte jemand aus unerfindlichen Gründen diese meine Seite mit einem dynamischen Lesezeichen versehen, der/die/das benutze erstens den Firefox und zweitens klickt er/sie/es auf den Link "XML RSS 2.0" (unter der Rubrik Buttons zu finden).
[ Bielefeld ]
by unterwegs
@ 15.01.2007 23:56 CET
Endlich. Nach einer gefühlten Ewigkeit von über zwei Monaten besann sich der Sonntag auf das "Sonn" in seinem Namen und ließ überraschenderweise die Sonne scheinen. Und zwar so ziemlich den ganzen Tag lang. Das Bielefelder Winterwetter hatte mal Pause. Sehr Erfreulich. So erfreulich, dass der Tag draußen genutzt werden musste. Diesmal jedoch nicht wie sonst hier gewohnt pedalierend auf Zweiradvehikel, sondern -zurück zu den Ursprüngen- als Zweibeinperpetuum Mobile.
Nach all den Tagen als Fahrradsau auf den Bielefelder Straßen, was vor allem gegen 17.00 Uhr ein nervenaufreibender Spaß mit regelmäßigen beinahe-Unfällen ist, musste ein bisschen Entschleunigung her. Wandern ist dafür eine großartige Methode, auch um den Kopf freizubekommen und sich selbst zu therapieren.
Der erste Teil des Weges durch die Felder führte über den Hasenpatt und dieser Name hat natürlich ein historisches Vorbild. Mein Name ist Hase, ich weiß von nichts, trifft grandios zu. Im frühen Mittelalter flitzte hier regelmäßig der Laufbursche des Sachsencheffe Widukind mit Namen Hase hin und her, um Nachrichten an die Äbtissin in Schildesche zu überbringen. Und mögen sie noch so nichtig gewesen sein.
Um einen Rundkurs drauß zu machen, war ich gezwungen irgendwann von dieser historischen Dauerlaufstrecke abzubiegen. Von nun an auf richtigen Straßen nach Jöllenbeck, einem der vielen Stadtteile von Bielefeld und zwar einer, den man sich nicht merken muss.
Nachdem ich die ungemütliche Prüfung des Wanderns auf der zivilisatorischen Errungenschaft der asphaltierten und auch recht stark befahrenen Straße bestanden hatte, fehlte zum perfekten Dreiklang aus Wanderweg, Asphalt und "Wildnis" nur noch die Episode Querfeldein. An einer Mühle, die erstaunlicherweise am Mühlenbach lag, war es soweit. Der Weg verlief über einen Gehöft, an dessen Toreinfahrt explizit vor den Hunden gewarnt wurde. Irgendwo ertönte ein Schuss und mir wurde klar, dass dieses Warnschild seine Berechtigung besitzt. Also ab über den Acker nebenan, durchs Unterholz, Rehe nebenbei erschrecken und auf glitschigen Pseudowegen am Mühlenbach entlang. Irgendwann waren diese Wege noch nicht einmal mehr Pseudo, sondern nur noch Matschepampe, die sich allerdings unter der Grasnarbe versteckte. Im Nu waren die Schue in einen einheitlichen Farbton getaucht. Ich konnte diese Leistung nur einen Moment bestaunen, dann rief Kollege Sägefelder an.
Aus der kleinen Wanderung wurden flugs fast 20 Kilometer, was nach meinen Maßstäben jedoch immer noch als kleine Wanderung zu werten ist. Alles sehr schön, nur mein linker großer Zeh schmerzt im Gelenk. Das bereitet mir etwas Sorgen und bedarf einer Inspektion, da es sich um irgendeinen chronischen Scheiß zu handeln scheint, der nach längerer Lauferei auftritt. Und das beim geplanten Pyrenäenritt dieses Jahr... Zeit ist ja noch genug.
Mehr Bilder gibt's im Bilderordner.
[ Bielefeld ]
by unterwegs
@ 09.01.2007 01:05 CET
Ein Gruß in die Nacht,
gestern Abend hat sich endgültig ein neuer Begriff in meinen Wortschatz integriert. Anthroposophie. Alles ist anthroposophisch in der Welt des Rudolf Steiner. Gewesen. Anthroposophie - die Lehre von der Weisheit des Menschen, die er aus sich selbst entwickelt. Alle Ansätze werden damit erklärt.
Meine Quasi-“Gastfamilie“ hier, die Gonskas, sind bekennende Anhänger der Lehren von Steiner. In einem dem christlichen Glauben zugewandteren Landstrich wie Westfalen, im Gegensatz zu Berlin, mündet das in einer veränderten Ausrichtung der Religionszugehörigkeit - nämlich der Christengemeinschaft. Diese Christengemeinschaft, eine 200 Personen zählende Minderheit in Ostwestfalen, hat nun am Sonntag das Drei-Königsspiel aufgeführt (Sonntag war zwar nicht der sechste, aber egal. Sonntag ist Sonntag. Der Sonntag ist heilig und nur am Sonntag wird so etwas aufgeführt). Mechtild (die Mutter) frägte mich, ob ich denn nicht zu etwas ungewöhnlichem mitkommen wollte und sprach in nebulösen Rätseln. Ich wurde neugierig und fasste den Entschluss als passionierter Nichtchrist, diese Erfahrung in der Christengemeinschaft zu machen.
Das Stück wurde sinnigerweise in der Kirche aufgeführt. Eine Kirche, in der von der traditionellen Bauweise nur noch die Akustik übrig geblieben war. Die architektonischen Formen haben sich in sich aufgelöst. Alles war wie aus einem Stückgefertigt, der Innenraum eher oval-rund, denn länglich und die Decke symbolisiert einen umgedrehten Schiffsrumpf. Verdeutlicht durch Beplankung, die extra von Schiffszimmerleuten gefertigt und angebracht werden musste. Jedenfalls eine sehr eigene Konstruktion, die der Christengemeinschaft selbstverständlich ein paar Anfeindungen der werten Katholikenschar eingebracht hat. Mich hat das Vorbild für diese Architektur interessiert und so frägte ich die Pfarrerin, was es denn damit auf sich hat. Sie meinte nur sinngemäß, dass die Antwort nicht so eindeutig ist. Es kommt darauf an wer sie das fragt. Ich muss wohl wie das berühmte Auto geschaut haben. Was sollte das denn nun heißen? Spielt es eine Rolle, ob der Frager ein Katholik, Evangele, Muslim, Hindu, Atheist… ist? Egal, Dieter( der Vater) hatte die auflösende Antwort parat. Anthroposophisch, hätt‘ ich mir ja denken können.
Übrigens, ein paar Unterschiede zwischen Christengemeinschaft und Katholizismus/ Protestantismus ist der Glaube an die Reinkarnation und, anthroposophiebedingt, die Auffassung, dass der Mensch aus sich selbst heraus das Geistesleben entwickelt und es nicht indoktriniert wird. Außerdem spricht sich diese Kirche von jeglichem Missionierungsstreben frei. Das ist doch mal ein Fortschritt.
Nun zum eigentlichen Hauptakt. Da es sich um das Drei-Königs-Spiel handelte, war die Ankunft der drei das zentrale Thema. Old Jesus hatte nur eine Komparsenrolle.
Das ganze ist mit einer unglaublichen Theatralik und Langatmigkeit inszeniert worden. Eine Handlung, die man in einer halben Stunde erzählen könnte, hat sich auf zwei Stunden ausgedehnt. Hinzu kam, dass das Schauspiel nicht auf Hochdeutsch, sondern im „Oberufer-Dialekt“ stattfand. Etwas anstrengend, gab dem ganzen aber eine folkloristische Note. Was auch nicht verwundert, denn vor hundert Jahren sollte zu dieser Aufführung in den Wirtshäusern dieser Welt die Post abgehen. Interessanterweise hielt der Teufel in dieser Darstellung Einzug, denn er allein hat den armen Herodes zum Kindermorden verführt. Dieser Umstand ist nachdrücklich quantifiziert worden. Drei Abgesandte haben es demnach auf imposante 224.000 Kindstötungen gebracht. Am Ende meldete sich das Gewissen beim Hauptmann und er beging Harakiri bevor jemand im Abendland von Japan eine Ahnung hatte.
Eine etwas schonungslosere Darstellung dieses Teils der Geschichte, aber der aufgeklärten Zeit auch angemessen. Deswegen konnte ich dieses Mystifizierung von Mechtild auch nicht ganz nachvollziehen.
Fazit: Der Abend war der optimale Appetitanreger, um endlich eine Bildungslücke zu schließen und sich „Das Leben des Brian“ zu gönnen.
Gute Nacht
[ Bielefeld ]
by unterwegs
@ 06.01.2007 17:56 CET
Werte Freunde, Verwandte, Bekannte, Elegante, Exorbitante Artverwandte!
Ein wunderbares geniales Jahr 2007 wünsch ick euch da draußen - außerhalb des Machtzentrums Bielefeld! Kaum noch für möglich gehalten, ist es nun doch soweit. Reichlich spät zwar, aber Martins Blog ist geboren worden. Aus Anlass meines Praktikums im kuschelig-verregneten Bielefeld. Das ist zwar bereits Ende Februar zu Ende, das Blog wird damit jedoch nicht sterben, sondern immer berichten, wenn der Martin unterwegs ist.
Wer schon in den Bildern stöbern will, kann das tun. Die sind auch online.